Bahnchaos

Alles begann als ich in Dresden-Pieschen mit der S-Bahn in Richtung Bahnhof Neustadt fahren wollte. Eigentlich sollte der Zug um 16:48 Uhr fahren, und mit ihm hätte ich problemlos den ICE in Richtung Leipzig erreicht. Doch um etwa 16:51 Uhr tönte eine weibliche Lautsprecherstimme, dass die S-Bahn etwa 20 Minuten Verspätung haben würde. Damit war der ICE nicht mehr zu erreichen. „Verdammt.“, dachte ich zuerst bei mir, dann kam mir aber sogleich der Gedanke, dass ich die Straßenbahn der Linie 3 noch erreichen und es vielleicht gerade noch zum Zug schaffen könne. Also mit Rucksack und Rolly einen schnellen Schrittes zur Haltestelle Trachenberger Platz gegangen und just kam auch schon eine entsprechende Straßenbahn. Unendlich langsam für mich quälte sich die Bahn von Station zu Station und kam schließlich an der Station Hansastraße, dem „Hintereingang“ des Dresdner Bahnhofes Neustadt an. Ich war wirklich in Eile, spurtete aus der Straßenbahn heraus und wollte noch bevor diese losfuhr auf die andere Seite der Gleise. Ein kurzer Blickkontakt mit dem Fahrer gab mir die Illusion, er würde warten und mich rüber laufen lassen, doch gerade als ich losgehen wollte, ließ er seine Glocke schrillen und fuhr an. Was für ein A****ch… Dann war auch noch die Ampel auf der gegenüberliegenden Seite rot und der Verkehr verbot es einfach rüber zu laufen. Langsam dämmerte mir, daß ich daß mit dem ICE um 17:03 Uhr vergessen konnte. Dem war dann auch so, denn als ich außer Atem am Bahnsteig 3 des Bahnhofes Dresden Neustadt ankam, sah ich nur noch ein leeres Gleis.

Nun blieben mir zwei Alternativen: Zum einen der Regional Express (Fahrtzeit 1:30 Stunde, Ankunft 19:01 Uhr in Leipzig) oder der ICE um 18:03 Uhr (Fahrtzeit 1 Stunde, Ankunft 19:04 Uhr in Leipzig). Mit meinem Entschluß einen Kaffee zu trinken und auf den schnelleren ICE zu warten begannen dann die wirklichen Probleme. Überpünktlich zurück am Gleis 3 fand ich dort einen EuroCity Zug, der auch bis 18:03 Uhr nicht weiterfuhr, vor und am Bahnsteig lauter ratlos mit Mobiltelefon und Funkgerät umher laufende Bahnmitarbeiter. Aber nicht der EuroCity selbst war liegen geblieben, sondern es habe, wie ich von einem der Mitarbeiter erfuhr, bei Pieschen ein „Unfall mit Personenschaden“ gegeben (…) und es würde hier in nächster Zeit auch nicht weiter gehen. Nach vielem hin und her teilte mir einer der Mitarbeiter mit, daß ich doch die Tram zwei Gleise weiter nehmen solle, diese würde mich zum Hauptbahnhof bringen und dort würde der 18:03 Uhr ICE auf uns warten. Gesagt getan – und siehe da, ich erreichte diesen Zug tatsächlich noch rechtzeitig. Doch er hatte auch inzwischen 35 Minuten Verspätung und meine Befürchtung war es, den Anschlußzug in Leipzig nicht mehr zu bekommen, trotz der Zusicherungen des Bahnpersonals. In Leipzig angekommen, stand am Gleis gegenüber auch gleich ein ICE und ich fragte den Schaffner, ob dies der Zug nach Jena sei. Er nickte und ich ging erleichtert an den am gegenüberliegen Gleis wartenden Zug und stieg ein. Auf dem Display am Eingang stand auch Jena-Paradies. Sollte ich es geschafft haben? Weit gefehlt. Gerade als ich Platz nehmen wollte, stürmte ein junger Kerl mit McDonalds-Tüte und Getränk in den Zug, die Türen schlossen sich sogleich. „Ist dies der Zug nach München?“, fragte er außer Atem. „Nein, das ist der nach Berlin.“, antwortete eine ältere Dame – und sofort fiel es mir auch wie Schuppen aus den Haaren. Doch es war zu Spät – der Zug fuhr bereits an. Da saß ich nun im Zug in die falsche Richtung und hatte keine Ahnung wann und wie ich zurück kommen sollte.

Zum Glück zeigte sich die Schaffnerin freundlich und war bereit, mir entsprechende Auskunft zu erteilen, sobald sie das Abteil fertig kontrolliert hatte. Doch die Auskunft brachte nicht viel Gutes für mich. Den Nachtexpress würde ich nicht mehr bekommen, bei einem anderen hätte ich mit der S-Bahn in 15-20 Minuten von Hauptbahnhof bis Charlottenburg fahren müssen. Die einzig passable Lösung schien eine Regionalbahn über Lutherstadt Wittenberg, Halle und Naumburg, der um 21:17 Uhr von Berlin Hauptbahnhof fahren sollte und nach etwa 4 (!) Stunden Wartezeit um 5:49 Uhr früh in Jena sein würde. 4 Stunden in Halle, ich konnte mir wirklich besseres vorstellen. Es war ärgerlich, aber was sollte ich tun? Zu ändern war es nicht mehr und eine andere Möglichkeit wäre höchstens ein Mietwagen gewesen oder ein Hotel und dann um 5:45 Uhr mir dem ersten ICE nach Jena – doch die Kosten wollte ich mir echt sparen, zumal ich diese selbstredend privat hätte tragen müssen. Und das beste war, daß mir die nette Schaffnerin keine zusätzlichen Fahrtkosten abzog. Da ich mir gegenüber freundlich gegeben hatte, war sie auch mir gegenüber sehr zuvorkommend. Das beweist mal wieder die Aussage: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Ein kleiner Lichtblick im Rahmen der ganzen unangenehmen Umstände.

Und dann fiel mir bei dem Namen Wittenberg etwas ein: Wer kam noch einmal aus der Nähe von Wittenberg und war auch noch (zufälligerweise) gerade dort auf „Heimaturlaub“? Genau, der Herr Gonzo. Ich kramte also in meinen Taschen nach dem Mobiltelefon. Das dumme war nur, dass mein Akku so gut wie leer war und somit ein längeres Gespräch nicht mehr möglich. Doch hier kam mir die Konstruktionsweise der neueren ICEs zu Gute, die ja zwischen den Sitzreihen über Steckdosen verfügen. Ich mußte also nur mein Ladegerät aus dem Koffer holen, es anschließen und es konnte los gehen. Nachdem ich ihm meine Lage dargelegt hatte, sagte er mir zu, mir ein Nachtlager zu bieten. Er wolle sowieso gerade nach Wittenberg fahren und es wäre also kein Problem, wenn ich um 22:28 Uhr am (Haupt-)Bahnhof Wittenberg ankomme. 😉 Ich solle nur 15 Minuten vorher zur Sicherheit noch einmal anrufen. Alles klar soweit. Ich mußte nur noch klären, daß ich morgen am Freitag nicht arbeiten konnte. Ich rief also die entsprechende Kontaktperson an, erklärte auch ihm meine Lage und er zeigte Verständnis und sagte mir zu, dies für mich zu regeln. Angenommen ich wäre bis Jena durchgefahren und um 5:49 Uhr dort angekommen, wäre nach einer extrem kurzen Nacht bestimmt kein besonders produktiver Arbeitstag dabei heraus gekommen. Somit konnte ich mich also erst einmal etwas erleichtert zurück lehnen und las bis zum Berliner Hauptbahnhof noch etwas in meinem Buch.

In Berlin angekommen machte ich mich sogleich auf die Suche nach einem Abfahrtsplan, um zu bestimmen von welchem Gleis der Zug in Richtung Wittenberg abfahren würde. Gleis 1 stellte sich heraus und ich hatte noch über 10 Minuten Zeit, so daß ich noch ein entsprechendes Ticket für 9,95 Euronen am Automat lösen konnte, bevor ich mich zu diesem Gleis begab. Und es schienen ziemlich viele von Berlin in Richtung Wittenberg zu wollen, denn während ich dort an Gleis 1 wartete, füllte sich der Bahnsteig mehr und mehr. Dennoch fand ich zwar kein Raucherabteil, aber einen Sitzplatz mit kleinem Tischchen, so daß ich dort mein MacBook auspacken und meine Erlebnisse frisch verarbeiten konnte. Die Blicke vor allem einiger der älteren Mitfahrer – über das Klientel in Regionalbahnen habe ich mich ja bereits in einem früheren Post einmal ausgelassen – zeigten mir zwar schnell, daß die Verwendung eines Notebooks hier eine eher ungewöhnliche Sache war, aber ich ließ mich hier nicht beirren und tippte lustig darauf los. Es ist jetzt aktuell 21:42 Uhr, ich fahre gerade von Berlin-Lichtenfelde los und der Zug hat sich bereits wieder etwas geleert. Ich bin ja mal sehr gespannt, ob ich bis Wittenberg der einzige im Zug sein werde. Ich berichte dann bald weiter.

Um 22.28 Uhr bin ich dann in Wittenberg angekommen, wurde vom Bahnhof abgeholt und verlebte noch einen netten Abend in dieser wirklich netten kleinen (Luther-)Stadt. So hat der kleine Fehltritt letzten endes doch noch ein einigermaßen angenehmes Ende genommen – und das war auf jeden Fall die hundert Mal bessere Alternative zu vier langen Stunden Wartezeit am Bahnhof Halle. Aber eins steht fest: So etwas passiert mit nicht noch einmal. Auf die Aussagen von Bahnbediensteten sollte man sich meiner Meinung nach wirklich nicht vorbehaltlos verlassen… 😉

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