Oktoberfest – Christoph Scholder

Mit Oktoberfest habe ich gestern den Debütroman des deutschen Autors Christoph Scholder abgeschlossen. Und nach fast vier Jahren Arbeit hat der Universitätsdozent für Soziologie und Spätzünder was Bücher schreiben angeht einen Thriller abgeliefert, der meiner Meinung nach den Werken eines David Baldacci, Stieg Larsson oder John Katzenbach durchaus das Wasser reichen kann.
Ich hatte mich wieder für das Hörbuch mit einer Laufzeit von fast 17 Stunden entschieden, die mal wieder sehr packend von Detlef Bierstedt gelesen wird. Diese Hörbuchfassung gibt es aktuell Exklusiv bei Audible – für die Freunde des gedruckten Wortes ist die ca. 600-seitige Printausgabe im Droemer-Verlag erschienen.
Die Handlung dieses Buches spielt wie der Name schon vermuten lässt natürlich in München, wo das Oktoberfest mal wieder im vollen Gange ist. Zehntausende feiern und trinken ausgelassen auf dem wohl größten Volksfest der Welt. Doch am zweiten Wiesnsonntag kommt es zu einem Ereignis, das die schlimmsten Alpträume der Veranstalter und Sicherheitsbehörden in den Schatten stellt. Unter dem Kommando des skrupellosen Generalmajor Oleg Blochin nimmt eine abtrünnige russische Speznas-Einheit in einer sauber geplanten Kommandooperation zuerst das Benedektiner-Zelt und wenig später auch die übrigen Bierzelte auf der Theresienwiese als Geiseln und droht alle Besucher mit tödlichen Nervengift zu exekutieren. Über siebzigtausen Menschen befinden sich in der Gewalt der Elitesoldaten, deren Ziel es ist 2 Milliarden Euro in Rohdiamanten zu erpressen. Die Münchner Polizei, die Bayrische Landesregierung und auch die bald schon eingeschaltete Bundesregierung sind im ersten Moment ratlos wie sie gegen diesen bis ins letzte Detail geplanter Coup vorgehen können. Als zur Reaktion auf eine übereilte und misslungene Aktion der Behörden fast 2000 Besucher eines Zeltes einen grausamen Tod durch das Nervegas finden, droht die Situation zu eskalieren. Doch da tritt Wolfgang Härter, Mitglied einer geheimen Abteilung des Militärischen Abschirmdienstes, Marineschwimmer und Kapitän der deutschen Bundesmarine auf den Plan und versucht mit viel Taktik und allerlei Kniffen zu retten was zu retten ist und die größte Bedrohung die Deutschland sich seit Ende des zweiten Weltkrieges gegenüber sah so glimpflich wie möglich zu beenden.
Ich muß zugeben dass mich der Plot im ersten Moment zwar begeistert, aber beim längeren Überlegen dann doch etwas abgeschreckt hat. Zu sehr klang mir das Ganze nach einer sehr konstruierten und unglaubwürdigen Geschichte. Aber bereits nach den ersten Kapiteln konnten diese Bedenken verworfen werden, denn es gelingt Christoph Scholder sowohl die Haupt- als auch die Nebencharaktere dem Leser realistisch und wirklichkeitsnah zu vermitteln. Alle Aktionen der handelnden Einzelpersonen, der bundesdeutschen Exekutive, der Einsatz von SEK, GSG9 und KSK sowie im Verlaufe des Buches sogar der Bundeswehr erschienen plausibel und glaubwürdig. Dabei hat der Autor offensichtlich großen Aufwand in die Recherche gesteckt und das Buch mit vielen Fakten über Kommandostrukuren, technische Details von eingesetzten Waffen und Kryptotechniken oder auch die gesetzlichen Vorschriften gespickt, dass soweit ich das zu Beurteilen vermag zu keinem Moment der Eindruck entsteht dass die hier erzählte Geschichte unrealistisch oder überzogen wirkt. Und auch bei der Beschreibung der Wirkung des Nervengases oder bestimmter Waffen lässt er es nicht aus deren Wirkung bis ins Kleinste zu beschreiben, was mich das eine oder andere Mal doch etwas schaudern ließ. Obwohl im Verlauf der Erzählung viele parallele Handlungsstränge aufgebaut werden, gelingt es dem Autor außerdem, keinen davon im Sande verlaufen zu lassen sondern führt alles am Ende zu einem großen Finale wieder logisch zusammen – eine Leistung die nicht jedem Schreiber gelingt.
Besonders im ersten Drittel des Buches steckt Scholder viele Seiten in die Einführung verschiedener Hauptpersonen. Zum einen wird sehr akribisch über Karl Romberg und seine Karriere vom einfachen Automechaniker zum Spediteur berichtet, auch wenn er zumindest aus meiner Sicht insgesamt eine eher untergeordnete Rolle spielt. Für die Abrundung der Geschichte wichtiger erscheinen da die Rückblicke in die Vergangenheit der Speznas-Einheit, unter anderem ins russisch besetzte Afghanistan des Jahres 1984 und ins tschetschenische Grosny des Jahres 1994, um deren Handlungsweise und Vorgehen in der Jetztzeit zu verstehen. Nur über Wolfgang Härter, der ja eindeutig die wichtigste Person des ganzen Buches ist, lässt sich Scholder nur hier und da dazu hinreißen, Details über dessen Leben preis zu geben – gerade genug um den Charakter und die Handlungsweise zu verstehen. Einzig bei der Konstruktion dieser Person hat er dabei, so empfand ich es zumindest, an ein oder zwei Ecken ein klein wenig zu dick aufgetragen. Aber wer Thriller liest braucht eben seine Helden, daher kann man retrospektiv auf das Gesamtwerk gesehen gut damit leben.
Für ein Erstlingswerk kann ich da nur sagen: Hut ab. Diesem Buch ist es wirklich gelungen mich zu fesseln und hat es mich innerhalb von nur wenigen Tagen verschlingen lassen. Auch wenn es mich freuen würde wenn es noch weitere Werke mit Wolfgang Härter geben würde, kann ich mir doch aktuell nur schwer vorstellen, dass der Autor ein solches Handlungsspektakel wiederholen könnte ohne dass es doch beginnen könnte doch unglaubwürdig zu werden. Obwohl natürlich Serien wie 24 mit Kiefer Sutherland schon bewiesen haben, dass man sich in solchen Prognosen auch irren kann. Wie dem auch sei – ich werde auf jeden Fall die Augen nach weiteren Werken von Christoph Scholder Ausschau zu halten. Da dieses Buch aber erst im August 2010 erschienen ist, wird bis dahin wohl noch etwas Zeit vergehen. Ich bin da ja mal sehr gespannt.

Meine Wertung: 3 von 3 Sternen

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