Peking Oper Festival München

Vor kurzem erfuhr ich über das Internet, dass das National Center for the Performing Arts Beijing auf seiner diesjährigen Europa-Tournee auch hier in München halt macht und am am 12. und 13. September in der Reithalle in der Heßstraße 132 in Schwabing-West zwei Auftritte haben wird. Das wollte ich keinesfalls verpassen – ich bin was diese Kunstform angeht ja noch vollkommen “unbeleckt” – und besorgte für mich und einen Begleiter gleich mal je eine Karte zum Preis von jeweils 29,90 Euro für die Veranstaltung, die dann am gestrigen Donnerstag ab 20:00 Uhr stattfand.

Peking Oper Festival München - Eintrittskarten

Da wir nicht sicher waren ob es dort genügend Parkplätze gibt und ich mir auch sparen wollte am Abend mit meinem Auto durch die Münchner Innenstadt zu gurken, reisten wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln an und legten von der Tram-Haltestelle Lothstraße die restlichen 600 Meter bis zur Reithalle zu Fuß zurück. Und unsere Entscheidung erwies sich als klug, denn die Parkplätze waren hier oben tatsächlich als recht beschränkt.

Reithalle München

Vor der Reithalle und in einem Vorraum, der mit einem Vorhang vom eigentlichen Veranstaltungsbereich abgetrennt war, tummelten sich schon zahlreiche Gäste als wir gegen kurz nach halb acht hier eintrafen. Wie für Veranstaltungen dieser Art üblich wurden in der Vorhalle Erfrischungen und Andenken angeboten sowie einige traditionellen Köstüme ausgestellt. Und zu der Gelegenheit, eine Opernaufführung mit Pekinger Originalbesetzung hier in München zu genießen, hatten sich nicht nur Einheimische eingefunden – etwas mehr als ein Drittel der Gäste kamen eindeutig ursprünglich aus dem Heimatland der Peking-Oper – zumindest was das Aussehen und die verwendete Sprache anging.

Vorhalle

Nach kurzem Suchen entdeckten wir dann den Einlass am Rande des Raumes und betraten den hinteren Teil der Veranstaltungshalle. Dort wurden angewiesen – als Inhaber von gekauften Karten von “München-Ticket” – uns irgendwo auf den Stühlen der rechten vorderen Reihen einen Platz zu suchen. Da man hier auf freie Platzwahl gesetzt hatte konnten wir leider nur noch in der neunten Reihe einige freie Plätze ergattern. Hier war die Sicht zwar nicht perfekt, aber noch akzeptabel. Hier wären eine kaskadierte Bestuhlung etwas optimaler gewesen um allen Gäste eine gute Sicht zu bieten – denn es sollte einiges zu sehen geben.
Etwa eine Viertelstunde vor dem eigentlichen Veranstaltungebeginn betrat schließlich der Journalist und Fernsehmoderator Gerhard Schmitt-Thiel die Bühne und gab den Gästen eine kurze und lehrreiche Einführung in die Kunst der chinesischen Oper. So erfuhren wir dass die Peking-Oper nicht in Peking, sondern in den den chinesischen Provinzen Anhui, Hubei und Shaanxi entstanden ist, wo der Geschichte nach im Jahre 1790 Inspektoren des chinesischen Kaisers darauf Aufmerksam wurden und die Künstler an den Hof des damaligen Kaisers Qianlong einluden, wo diese Form der Aufführung große Erfolge feierten und sich bald auch in der Kultur des normalen Volkes verbreitete. Außerdem sprach er über die vier Tonhöhen der chinesischen Sprache und wie diese mit den Streich- und Blechinstrumenten des begleitenden Orchesters Verwendung finden. Dabei ging er auch, unterstützt von zwei der Schauspieler, auf die Unterschiede des gewöhnlich gesprochenen Chinesisch und der stilisierten Aussprache in der Peking Oper ein. Außerdem wurde erläutert dass man an der Höhe der Plateau-Absätze der Schuhe welche die Schauspieler tragen auf die Bedeutung der dargestellten Person schließen kann. Damit aber genug über die Einführungsveranstaltung – alles kann ich hier sowieso nicht wiedergeben – für einen Peking-Oper-Neuling wie mich waren seine Ausführungen auf jeden Fall ein interessante und auch notwendige Einführung in diese chinesische Kunstform, die für den westlichen Besucher doch im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig erscheint.

Einführung / Introduction
Einführung durch Gerhard Schmitt-Thiel

Aufgeführt wurden keine ganzen Stücke der Peking Oper – die übrigens zum Teil über 100 Akte lang und über mehrere Tage gehen können – sondern nur ausgewählte Szenen aus verschiedenen Werken mit dem Zweck den Gästen einen Überblick über verschiedene Aspekte dieser Opernform zu geben. Außerdem wies er noch darauf hin, dass man in der Peking Oper nicht klatscht, sondern Ho! ruft um seiner Zustimmung für gutes Schauspiel Ausdruck zu verleihen.

Alle Aufführungen waren natürlich in Chinesisch, zum besseren Verständnis wurden die übersetzten Texte zusätzlich auf einer Tafel seitlich der Bühne angezeigt.

Übersetzung / Translation
Übersetzung des Opern-Textes

Kommen wir nun zu den einzelnen Stücken, die ich versuchen werde hier mit meinen eigenen Worten und nach meiner Interpretation wiederzugeben (alle Angaben dabei ohne Gewähr):

At the crossroads
Als erstes stand mit At the crossroads, einem Aufzug aus der Yang Saga auf dem Programm. Ich möchte hier natürlich nicht auf alle Details eingehen, die Grundgeschichte aber ist, dass ein Soldat entsendet wird, um einen verbannten und des Mordes verdächtigten ehemaligen General zu beschützen. Dabei macht er Rast in einem Gasthaus und der dortige Wirt denkt, dieser sei gekommen um besagten General zu töten. Es kommt natürlich zum Kampf. Das besondere hier war es, dass nach der eigentlichen Geschichte der Kampf in der Dunkelheit der Nacht stattfindet und beide Schauspieler so agieren als würden sie einander nicht sehen. Die Aufführung war kombiniert mit Elementen von Akrobatik, Martial-Arts, Slapstick und Comedy und daher erntete neben viel Applaus und Ho!-Rufen auch viele Lacher. Eine wunderbare Aufführung die sich wunderbar als Einführung eignete und Lust auf mehr machte.

At the cross roads

Farewell my concubine
Das zweite Stück spielt während eines kriegerisches Konfliktes zwischen den Reichen Chu und Han. Der Herrscher des Reiches Chu, Xiang Xu, wird dabei von den Han in einen Hinterhalt gelockt und sieht sich kurz vor der Niederlage. Seine Konkubine Yu erwartet ihm in seinem Palast und versucht mit gutem Zureden und etwas Wein die Sorgen ihres Geliebten zu vertreiben.

Farewell my concubine
Auftritt der Konkubine Yu

Doch Xiang Xu sieht alle Hoffnung verloren und möchte seine geliebte Konkubine freilassen um ihr die Schmach der Niederlage zu ersparen.

Farewell my concubine
Yu und Xiang Xu

Doch Yu möchte nicht von ihrer Majestät getrennt werden und gibt mit Gesang ihrem Kummer Ausdruck bevor sie sich schließlich zu vor ihren Herrscher um ein letztes Mal für ihren Herrscher zu tanzen – ein Tanz mit tödlichem Ausgang.

Farewell my concubine
Yus Tanz mit den Schwertern

Ein etwas schwermütigeres Stück, aber alleine durch Gesang, Kostüme und Darstellung auch mehr als Sehenswert.

Es waren inzwischen etwas mehr als eine Stunde vergangen und es wurde eine Pause von fünfzehn Minuten eingelegt. Einige wenige Gäste nutzten die Pause um die Veranstaltung nun zu verlassen – über die Gründe kann ich nur rätseln. Mir persönlich hatte trotz der für europäische Ohren etwas ungewohnt hochtonigen Musik welche die Stücke begleitete das was ich bisher gesehen hatte sehr gefallen, daher wollte ich den Rest natürlich nicht verpassen – anders als mein Begleiter der sich ebenfalls dazu entschloss zu gehen.

Autumn river
Das nach der Pause aufgeführte Stück besaß wieder viele komödiantische Aspekte und zeigte aber auch, welch hohes Maß an Körperbeherrschung die Darsteller solcher Stücke an den Tag legen müssen. Die Hintergrundgeschichte besagte, dass sich der junge Gelehrte Pan Bizheng, nachdem er durch die Beamtenprüfung gefallen ist, in ein Kloster zurückzieht und dort in die junge Nonne Chen verliebt. Doch die Meisterin des Klosters wünscht keine Beziehungen zwischen Fremden und ihren Schützlingen und befiehlt Pan sofort die Mauern des Klosters zu verlassen. Doch Chen beschließt schon bald ihm zu Folgen und kommt bald an den Herbstfluß (Autumn river), den sie überqueren muss um wieder mit ihrem Geliebten vereint zu werden. Doch dazu braucht sie die Hilfe eines alten Fährmanns, der mit seiner launigen Art droht Chens Versuch scheitern zu lassen.

Autumn river

Die Aufführung beginnt mit Chens Ankunft am Flussufer, wo sie bald auf den als alten Mann dargestellten Fährmann trifft und mit ihm zu verhandeln beginnt. Hier zeigte sich ähnlich wie im ersten Stück, wie viele Elemente der Pantomime auch in der Peking-Oper Anwendung finden, denn obwohl das Stück mit gerade mal einem Paddel als einzigem Requisit auskam, verstanden es die beiden Schauspieler auf überaus gelungene Weise durch synchrone Bewegungen auf der Bühne die Bewegungen des Botes zu simulieren. Sei es das Schwanken nach oben und unten wenn einer der Handelnden in das Boot springt oder die Drehbewegungen des Bootes aus dem Fluss während der alte Fährmann rudert – alles erweckte den Eindruck als würden sie sich tatsächlich auf einem Fluss treibend bewegen und nicht nur mit Tippelschritten über die Bühne wandern. Ein nicht nur amüsantes, sondern auch künstlerisch sehr gelungenes Stück, dass zeigte welches hohe Mass an Körperbeherrschung die Darsteller an den Tag legen müssen.

Autumn river

Presenting a pearl on rainbow bridge
Das an Kostümen, Akrobatik, Darstellung und auch Dauer umfangreichste Stück hatte man sich bis zum Schluss aufgehoben. Mit Presenting a pearl on rainbow bridge wurde die Geschichte um die Nymphe (bzw. der chinesischen Entsprechung dazu) Ling Bo dargestellt,

Presenting a pearl on rainbow bridge
Auftritt der Nymphe Ling Bo

die den Jüngling Bai Yong zufällig auf der Regenbogenbrücke trifft und von seinen Talenten so hingerissen ist, dass sich beide verlieben. Als Zeichen ihrer Hingabe übergibt sie diesem eine Perle, die ihre Liebe symbolisieren soll.

Presenting a pearl on rainbow bridge
Zusammentreffen von Ling Bo und Bai Yong

Presenting a pearl on rainbow bridge
Übergabe der Perle

Doch die Liebe zwischen einem mystischen Wesen und einem Sterblichen verstößt gegen die Regeln der Götter und ruft sofort den Himmel auf den Plan, der himmlische Krieger und sogar einen Gott aussendet, um Ling Bos Treiben zu unterbinden.

Presenting a pearl on rainbow bridge
Auftritt der Götter

Presenting a pearl on rainbow bridge
Sammlung der himmlischen Heerscharen

Was folgt ist ein stark stilisierter, aber was seine Akrobatik und seine Darstellungskraft angeht sehr Eindrucksvoller Kampf zwischen den Scharen des Himmels und der Nymphe Ling Bao mit ihren Kämpfern. In der Folge werden Salti aus dem Stand absolviert, Räder quer über die Bühne und über durch die Luft gewehte Fahnen geschlagen und mit Waffen symbolisierenden Stöcken jongliert. Selbst eine von der westlichen Unterhaltungsindustrie abgestumpfte “Langnase” wie ich musste an diesem Punkt fasziniert und Anerkennend ihren Respekt zollen. Ho !

Presenting a pearl on rainbow bridge
Auftritt der Kämpfer Ling Bos

Presenting a pearl on rainbow bridge
Stock-Jonglage

Presenting a pearl on rainbow bridge
Fahnensprünge

Allein die akrobatischen Leistungen waren hier wirklich faszinierend, ich war von der Darstellung wahrlich gefesselt.
Leider endete mit dem Abschluss dieses Stückes die heutige Aufführung – es war inzwischen auch schon etwa 23:00 Uhr. Doch ich hätte noch weitaus länger Vorführungen wie dieser Beiwohnen können und war wirklich begeistert. Gleichzeitig bereute ich, nicht auch Karten für die Vorstellung am Vortag erworben zu haben – aber diese Reue kam leider zu spät.

da capo

Und meine Meinung schienen viele der anderen Gäste zu teilen, denn es gab tobenden Applaus, standing ovations (oder auch standig ‘ho!’s 😉 ) und Töne der Begeisterung zu hören. Auch wenn die musikalische Untermalung wie bereits erwähnt für westliche Ohren etwas gewöhnungsbedürftig ist, so ist die Aufführung alleine auf jeden Fall einen Besuch wert. Leider gehören Stücke der Peking-Oper ja nun leider nicht zum Standard-Repertoire von westlichen Theatern, aber sollte sich mir die Gelegenheit bieten erneut so eine Veranstaltung zu besuchen, würde ich keinen Moment zögern – auch wenn ich mir ein Stück in mehr als 100 Akten oder über mehrere Tage (wie es ja bei der Peking-Oper angeblich vorkommen kann) etwas anstrengend vorstelle. Vielleicht ist so etwas nicht jedermanns Geschmack, aber mir hat es sehr gefallen und ich kann jedem der die Gelegenheit hat eine Aufführung des National Center for the Performing Arts Beijing hier in Deutschland zu besuchen nur empfehlen, diese auch wahrzunehmen. Es lohnt sich…

In diesem Sinne: 晚安 (Wǎn’an = Gute Nacht)

Abgebaut

Heute Mittag auf dem Abbe-Platz gesehen und schnell dokumentiert: Die Steinlaterne ist abgebaut worden. Das Projekt “Kunst im öffentlichen Raum” ist wohl beendet…

Eingemauerte Laterne oder wie ?

Wie bereits Herr Strudel berichtete hat sich auf dem Campus / Ernst-Abbe-Platz irgendwie innerhalb der letzten Tage eine Art eingemauerte Laterne (oder was auch immer es sich dabei handelt) manifestiert. Ich persönlich tippe auf ein Bestandteil des aktuell laufenden “Kunst im öffentlichen Raum” Projektes der Bauhaus-Uni Weimar (siehe auch hier und hier). Mal sehen ob ich noch mehr herausfinden kann…. *NeugierigSei*

WTF ? (oder Kunst im öffentlichen Raum reloaded)

Beleuchtete Abwasserrinnen. Gesehen in der Johannisstraße. Scheint etwas dem hier zu tun zu haben. Wohl mal wieder ein “Kunst im öffentlichen Raum” – Projekt…

LSD – Lieder statt Donnerstag

Gestern zog es uns ins Kassablanca am Westbahnhof zur Veranstaltung LSD – Lieder statt Donnerstag – eigentlich eine Veranstaltung des Theaterhauses, welche jedoch im Rahmen der Zusammenarbeit im o.g. Kassablanca am Westbahnhof stattfand.

War nicht nicht so ganz sicher was ich zu erwarten hatte, immerhin handelte es sich dabei um meinen ersten Besuch überhaupt im Kassablanca. Dieses befindet sich hinter dem Westbahnhof in einem alten Bahngebäude bzw. -schuppen noch hinter dem eigentlichen Westbahnhof (sh. auch hier). Alleine der Weg bis zum Eingang war etwas abenteuerlich, denn man mußte am Bahnhof vorbei über einen Feldweg bis zu einem behelfsmässig aussehenden Steg, zu dem eine ebenso behelfsmässige Treppe hinauf führte und erreichte darüber den mit Sprayings verzierten Eingang.

Aber ich wollte ja von der Veranstaltung schreiben, nicht von dem Weg dorthin.
Der Eintritt kostete 5 Euronen und wir mußten zusätzlich an einem Automaten eine Nummer ziehen, für eine spätere “Überraschung“. Für evtl. spätere Interessenten will ich nicht zu viel über das eigentliche Theaterstück – denn als solches kann man es wohl bezeichnen – erzählen. Es spielt in einem Bürgeramt oder Ortsamt einer beliebigen Stadt, wobei hier die Münzung auf Jena doch etwas auffiel. Ein langweiliger und tröger Ort, an dem Charaktere aus allen möglichen Schichten zusammen. Es wird auf jeden Fall, wie der Titel schon vermuten lässt, viel gesungen – teilweise auch etwas schräg- was aber meiner persönlichen Meinung nach eher ins Konzept passte, als das es störte. Etwas daß man noch erwähnen sollte ist die verstärkte Publikumsinteraktion. Zum einen wurden die anfangs gezogenen Nummern zwischendurch aufgerufen (meine dann auch und ich bin tatsächlich auf die Bühne gegangen) und gegen Ende gab es sogar Umarmungen, gemeinsamen Gesang und Polonaise. Krass, aber schön. Ich habe mich königlich amüsiert. Kann das Stück ohne Vorbehalt empfehlen.
Hinterher hörte ich noch Dinge wie ” … das alte Ensemble war ein bisschen besser … ” und so weiter – aber da ich dies nicht kenne hat die Aussage auch keinerlei Bedeutung. Mir hat das aktuelle Aufführung sehr gut gefallen. Bin nur nicht sicher ob wir nicht sogar in der Finalen Vorstellung waren, denn auf dem aktuellen Plan war es der letzte Termin…