Joost – ein Erfahrungsbericht

Habe Joost nun bereits einige Tage in Betrieb und möchte die Zeit nun nutzen, mal meine bisherigen Erfahrungen hier niederzuschreiben. Wie die meisten wohl wissen handelt es sich bei Joost (ehemals als “Venice Project” bekannt) um einen durchaus interessanten Ansatz einer Internet-TV Implementierung auf Basis eines P2P-Clients. Das heißt daß die Videos nicht ausschließlich auf zentralen Servern gespeichert sind, sondern auch von den Clients die sie empfangen weiter verteilt werden. Unter Berücksichtigung der Tatsache, was für Datenmengen für ein qualitätsmässig einigermaßen aktzeptables Video gestreamt werden müssen, eine wirklich sinnvolle Idee. Außerdem kommt der H.264 MPEG4 Codec bei Joost zum Einsatz, der im Vergleich zu MPEG-2 das Datenvolumen auf etwa ein Drittel reduziert.

Installation:
Meine erste Idee war das ganze auf meinem G5 zum Einsatz zu bringen, der ja inzwischen immer mehr zu meinem privaten Media-Center mutiert. Aber leider hatte ich dabei eine Tatsache übersehen: Neben dem Windows-Client existiert derzeit nur ein Mac OS X Client für Intel-Prozessoren – der Client für PowerPC ist wie jener für Linux-Betriebssysteme noch in Entwicklung. Also mußte das gute MacBook Pro für den Test herhalten. Wie beim Mac in den meisten Fällen üblich bestand der Download dabei aus einem .dmg File, aus dem man nach dem Mounten einfach via Drag & Drop das Programm in seinen Programme-Ordner zieht. Damit war die Installationsprozedur bereits beendet.

Betrieb:
Beim ersten Start meldete sich natürlich erst einmal Little Snitch um mir anzuzeigen, daß hier jemand ins Internetz connecten wolle. Nachdem ich für jeden Server die Verbindung freigegeben hatte, konnte ich bald einen ersten Blick auf die im ersten Moment sehr aufgeräumt wirkende Oberfläche (im Fullscreen-Modus) werfen.


Joost Applikation – Klick für größeres Bild

Diese besteht vornehmlich aus drei Elementen: dem linken Button für die Kanalliste, den rechten Button mit Titel “MyJoost” und dem Player. Ganz oben wird der aktuelle Kanal angezeigt und rechts daneben wird ein rundes Symbol angezeigt, welches die Controls ausblendet. Klickt an in den Abspielbereich, verschwinden diese ebenfalls ohne daß man mit dem Mauszeiger bis in die obere rechte Ecke fahren muss.

Kanalliste
Ein Klick auf den linken Button öffnet die Kanalliste im Zentrum des Bildschirms. Die Kanäle scrollen dabei sozusagen “im Kreis”, also wenn man unten angelangt ist, fängt die Liste wieder von oben an und durch einmaligen Klick auf einen Kanal bekommt man die in ihm angebotenen Sendungen zu sehen. Zu jeder Sendung sind dabei über einen mit “I” versehenen Button Informationen abzurufen oder man kann die Sendung über einen Doppelklick (oder einfachen Klick auf den Play-Button) starten.


Kanalliste – Klick für größeres Bild

Neben verschiedenen Kanälen mit Musik oder Sportsendungen finden sich in der Liste auch Dinge wie “Guinness Record TV” mit Weltrekordversuchen, “SciFi Atlantis” mit (B-Klasse) Science Fiction Sendungen oder “Braindead” mit amerikanischen Polizei-Verfolgungen sowie einer Sendung ähnlich dem von MTV bekannten “JackAss”. Ein kleines Highlight ist dabei wohl der Lassie-Channel mit den alten Schwarzweiß-Episoden dieser Serie. 😉 Es sei zu erwähnen, daß man jede dieser Sendungen zu jeder Zeit abrufen kann, also nicht an irgendwelche Sendungszeiten gebunden ist. Was ich etwas bedauerte war die Tatsache, daß die National Geographics Sender hier nicht verfügbar sind – und im Vergleich zur der Liste bei Joost.com erschien mir die Kanalliste doch sehr viel kürzer als das, was dort als “Worldwide” gekennzeichnet ist. Aber nach etwas genauerem hinsehen fand ich schnell den Channel Catalog, der alle weiteren Kanäle beinhaltet, die man aus dem Katalog schnell in die Liste hinzufügen (oder entfernen kann).


Channel Catalog – Klick für größeres Bild

Das Verwalten der Channels gestaltet sich als recht einfach – man wählt den gewünschten Kanal aus und bekommt eine Detailansicht, in der man den Channel seiner Kanalliste hinzufügen, ihn wieder entfernen oder direkt auf ihn umschalten kann.


Kanaldetails – Klick für größeres Bild

Nachdem man sich eine Sendung ausgesucht und diese aktiviert hat, dauert es einen kurzen oder manchmal auch etwas längeren Moment bevor die Sendung startet. Selten passiert es dabei, daß man die Meldung erhält die Sendung sei derzeit nicht verfügbar oder daß ohne weitere Meldung einfach zur nächsten Sendung des selben Senders geswitched wird. Bei Channels die sich nicht in der Standardliste befinden dauert es leider sogar extrem lange bis sich überhaupt etwas tut – wohl ein Nachteil der gewählten P2P Variante.
Ich möchte an der Stelle jedoch verzichten, mich über die Inhalte selbst auszulassen – immerhin ist es noch eine Beta und glaubt man gewissen Quellen soll sich das Angebot da ja bald stark verbreitern.

Player
Der im unterem Zentrum des Bildschirms platzierte Player ähnelt in den Grundbedienelementen den meisten anderen Implementationen dieser Art.


Joost Player – Klick für größeres Bild

Man findet dort Play/Pause, nächste Sendung, vorherige Sendung, dazu ein Lautstärkeregler mit Mute-Funktion rechts sowie links vier weitere Buttons für das Beenden der Applikationen, dem Umschalten zwischen Fenster- und Vollbildmodus, dem Zugriff auf das eigene Profil und dem Zugriff auf die Hilfe. Darunter findet man eine Zeile mit der aktuellen Sendung und der Möglichkeit durch die verfügbaren Sendungen zu browsen, ohne dazu die Channelliste zu öffnen oder die aktuelle Sendung zu unterbrechen. Ganz unten findet sich die Liste der Sender, die man auf ähnliche Art und Weise durchscrollen kann. Ganz unten gibt es schließlich noch eine Suche, mit der man die Sendungen aller Kanäle durchsuchen kann. Durch Eingabe eines entsprechenden Suchbegriffes sieht man eine kategorisierte Ergebnisliste.


Suchergebnis – Klick für größeres Bild

MyJoost
Was wäre eine heutige Web 2.0 Anwendung ohne eine Personalisierungs- und Communityfunktion? Natürlich verzichtet auch Joost nicht darauf und bietet in der Sektion MyJoost Soziale Interaktion z.B. über Instant Messenging, Widgets mit Newsticker, Notizblock oder einer Uhr sowie Ratingfunktionen.


MyJoost Widget Menu – Klick für größeres Bild

Habe mal ein wenig damit herumgespielt, aber bisher noch keinen wirklichen Mehrwert gefunden.

Anzeigequalität und Geschwindigkeit der Sendungen:
Da natürlich die Geschwindigkeit und vor allem die Anzahl der Aussetzer stark von der Internetverbindungsgeschwindigkeit abhängt, sei zu Anfang dieses Abschnittes bemerkt, daß ich über DSL3000 verfüge und die folgenden Tests sowohl mit WLAN (54Mbit) als auch mit kabelgebundenen LAN (100MBit) durchgeführt habe, wobei ich zwischen den beiden Varianten keine signifikanten Unterschiede feststellte. Gerade zu Beginn der Sendungen kommt es dabei leider immer mal wieder zu Aussetzern und Hängern, was sich jedoch irgendwann einzupendeln scheint. Alles in allem laufen sie jedoch flüssig. Die Qualität ist dabei wirklich gut.


Bildqualität – Klick für größeres Bild

Unvermittelt werden die Sendungen jedoch durch kurze Werbespots (hauptsächlich HP und Virgin Money und neuerdings auch Opel und Nike) unterbrochen – wobei die Einstreuung recht zufällig erscheint. Gut, ich habe mir keine der Sendungen zwei mal angesehen, aber es kam zu Unterbrechungen an Stellen, wie sie im Kommerzfernsehen eher unüblich sind (mitten in einem Beitrag zum Beispiel). Ich schiebe dies aber auf die Betaphase und hoffe zum anderen natürlich auch, daß es später einer Variante geben wird, wo man komplett auf Werbung verzichtet (z.B. gegen Bezahlung). Immerhin sind die ständigen Werbeunterbrechungen einer der vielen Gründe, warum ich Normalfernsehen bereits vor Jahren abgeschafft habe.

Fazit:
Obwohl es sich bei Joost noch um eine Beta handelt, zeigt die aktuelle Version 0.10.2.72720s des Clients doch, was technisch heutzutage möglich ist. Besonders positiv fiel mir dabei die vollkommene Unabhängigkeit von Zeiten auf, an die man sich ja beim Standard-TV halten muß. Sollte die TV-Industrie sich dazu durchringen können, ihre Produktionen wie Serien, Shows oder Filme durch ein Angebot wie Joost zweitzuverwerten, bin ich mir ziemlich sicher daß es genügend Interessenten finden würden, die für einen solchen Dienst auch zahlen würden. Vorraussetzung wären natürlich auch die Verfügbarkeit von Angeboten in der jeweiligen Landessprache oder aber eine umschaltbare Tonspur. Ein weiteres interessantes Feature wäre mit Sicherheit auch das Einstellen eigener Inhalte in ein solches System, ähnlich wie man es von YouTube oder Sevenload her kennt. Aber aufgrund der großen Gefahr daß sich durch eine solche Option schnell auch urheberrechtlich geschützte Werke ins System “verirren” könnten, wird man davon vorerst so und so wohl eher absehen. Aber für den eigentlichen Start von Joost im Sommer sollen ja bereits Verhandlungen mit verschiedenen Anbietern laufen, so daß es wohl bis dahin spannend werden dürfte.
Technik und Stabiltät sind jedenfalls aktuell mehr als aktzeptabel – kommen auch noch die richtigen Inhalte, könnte Joost (oder einer der bereits in den Startlöchern stehenden Me-Too-Applikationen) eine wirklich rosige Zukunft bevor stehen. Einzige Befürchtung wäre die zu starke Verkommerzialisierung durch z.B. zu häufige Werbeeinblendungen, was das zarte Pflänzchen des Internet-TV wohl sehr schnell wieder verkümmern ließe. Warten wir also ab, wie es sich entwickeln wird.

PS: Ich habe natürlich noch Joost Einladungen übrig – wer also Interesse hat kann sich in den Kommentaren oder via Mail gerne melden.

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One Response to “Joost – ein Erfahrungsbericht”

  1. Gunnar says:

    Hallo! Danke für den interessanten Bericht. Würde Joost auch gern mal ausprobieren und mich sehr über eine Einladung freuen. Gruss Gunnar

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